NBA: Brandon Jennings – Talent ist nicht alles

Heilsbringer oder verschenktes Talent? Netter Typ oder Troublemaker? Fakt ist: Milwaukees Rookie- Sensation Brandon Jennings erobert die Liga im Sturm. Doch welches ist sein wahres Gesicht?

Es ist nicht allzu lang her, da war das beliebteste Youtube-Video von Brandon Jennings ein Interview. Nun, eigentlich ist Interview das falsche Wort für die Unflätigkeiten und das Kauderwelsch, das der Rookie-Guard der Milwaukee Bucks in einem Telefonat mit seinem Kumpel, dem Rapper Joe Budden, von sich gab. Eine Respektlosigkeit gegenüber zukünftigen NBA-Kollegen jagte die nächste. Doch diese “Hommage” an die englische Sprache gerät immer mehr in Vergessenheit, denn dieser Brandon Jennings sorgt mittlerweile mit ganz anderen Dingen für Gesprächsstoff.

Vom ersten Tag an, als der 20-Jährige das Trikot der Bucks überstreifte, ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, dass er ein überragendes Talent für das Spiel mit der orangefarbenen Kugel besitzt. Die nackten Zahlen schreien bereits nach wenigen Partien “Rookie of the Year”: 24,2 Punkte, 5,7 Assists und 4,3 Rebounds pro Partie. Damit gehört er schon nach wenigen Wochen zu den zehn besten Score rn der NBA! Dabei hat er im September erst seinen 20. Geburtstag gefeiert …

Im Vorfeld viele Zweifel

Jennings’ Blitzstart auf dem NBACourt kommt für viele Experten unerwartet. Wie auch für Brandon selbst. “Das ist schon überraschend”, erklärt der gebürtige Kalifornier. “Ich wollte eigentlich erst mal ein Gefühl für die Liga entwickeln, doch es klappt schon sehr gut.” Das kann man wohl sagen. Brandon Jennings war nach einer glorreichen Highschool-Karriere an der Oak Hili Academy zur Saison 2008/09 für ein Jahr zu Lottomatica Rom in die italienische Liga gewechselt. Die Saison in Übersee war für ihn allerdings geprägt von Heimweh, mäßigen Spielzeiten und unkonstanten Leistungen. Seine Statistiken waren ebenfalls nicht berauschend und rissen keinen NBA-Offiziellen vom Sitz. Die Zweifel an dem wahren Talent des einstigen Highschool-Megastars ließen nicht lange auf sich warten. Diese Zweifel an seiner sportlichen Qualität waren natürlich nicht der einzige Grund, warum viele NBA-Obere Vorbehalte gegenüber Jennings hatten und warum der einst als Top-Drei-Pick gehandelte Guard “erst” an Nummer zehn von Milwaukee gedraftet wurde. Stichwort Youtube-Video: Die Beleidigungen im Gespräch mit Rapper Joe Budden waren nicht der erste PRAusrutscher, denn der nur 1,85 Meter und 77 Kilo schwere Bucks-Neuling war schon etliche Male vor dem Mikrofon unangenehm aufgefallen. Schauplatz Sacramento, wenige Wochen vor dem Draft: Brandon Jennings und Jonny Flynn, wie Brandon vor dem Drall eines der heißesten Point-Guard-Talente, sitzen nebeneinander bei einer Pressekonferenz, um Fragen zu ihrem gemeinsamen Workout und zum anstehenden Draft-Prozess zu beantworten. Es dauerte nicht lange, da redete sich Brandon in einen Rausch und lästerte ordentlich über Ricky Rubio ab. Er bezeichnete den spanischen Euro-Star als “All Hype”. Mit anderen Worten: Die Presse mache viel Lärm um den Youngster, und es stecke nicht wirklich viel dahinter. Da saß er nun, dieser schmächtige College-Verweigerer, der in seiner Basketball-Laufbahn noch nichts wirklich Bedeutendes geleistet hatte, und hatte nichts Besseres zu tun, als verbale Breitseiten in Richtung anderer zukünftiger NBASpieler zu verteilen. Jennings persönliche Meinung in allen Ehren, doch solche Worte sind nicht gerade das, was Scouts von einem Jungspund hören wollen. Denn Charakter und Bescheidenheit abseits vom Parkett sind in der heutigen Zeit mindestens genauso gefragt wie das Dribbling oder der Jumper auf dem Hardwood. Die Worte “arrogant” und “überheblich” fanden schnell ihren Weg in die Notizblöcke der Verantwortlichen, im Internet jagte ein kritischer Blog-Eintrag den nächsten.

Positive Schlagzeilen vor dem Draft sehen anders aus. Die Tatsache, dass er vor seinem Italien-Abstecher mehrmals durch die College-Aufnahme-prüfung rasselte, lässt sich ebenfalls eher als ein Kontra für die Zukunft eines angehenden Profi-Point-Guards verbuchen. Klar, das ging schon anderen NBA-Größen wie Kevin Garnett vor ihm so, doch es ist wiederum auch nicht das, was man sich unbedingt auf die Fahnen schreiben möchte. Doch diese Dinge gehören der Vergangenheit an. Die unüberlegten Interviews, die Zweifel, die Fragezeichen. In der Gegenwart gewinnt Brandon Jennings mit den Milwaukee Bucks Spiele, mehr noch, er gewinnt sie für sein sehr schwach besetztes Team. Nach dem Ausfall von Shooting Guard Michael Redd hat Jennings alle Fäden in der Hand und überrascht nicht nur die Skeptiker von einst. “Er hat ein immenses Talent”, freut sich Bucks-Coach Scott Skiles, dem viele Probleme mit einem vermeintlichen Troublemaker wie Jennings vorausgesagt hatten. “Klar wird er als Rookie noch seine Probleme haben, doch bis jetzt kann man sehr glücklich über seine Entwicklung sein.”

Glücklich? Wohl eher überglücklich! Es ist nämlich eine Entwicklung, die ihr Ende eventuell erst in den obersten Rängen der NBA-Elite findet. Manche vergleichen ihn sogar schon jetzt mit dem jungen Allen Iverson, der Mitte der Neunziger für ähnlich viel Wirbel gesorgt hatte (sportlich!). “Er ist sogar ein besserer Schütze als A.I.”, so ein anonymer NBA-Scout über den Rookie, der bisher 47,5 Prozent seiner Würfe von der Dreierlinie trifft. “Er spielt mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und hat ein gutes Wurfgefühl.” Dazu ist der Linkshänder ein überragender Eins-gegen-eins-Spieler mit einem natürlichen Gefühl für Spielsituationen und einer klasse Athletik. Mit diesen Attributen ist er wie geschaffen für das offene und individuelle Spiel in der NBA. Körperliche Defizite, Verteidigungsschwächen sowie mangelnde Erfahrung und Point-Guard-Intuition können ohne Probleme mit der Zeit behoben werden.

Die 55-Punkte-Show

Den wohl beeindruckendsten Beweis für seine NBA-Tauglichkeit und sein immenses Potenzial lieferte Jennings in seiner gerade mal siebten NBA-Partie, einem Heimspiel gegen die Golden State Warriors. Nach der Schlusssirene schimmerte eine leuchtende 55 auf Brandon Jennings’ Punktekonto und riss die Bucks-Fans im Bradley Center zu minutenlangen Ovationen hin. Der Youngster traf 21 seiner 34 Würfe, sieben von acht Dreiern und führte sein Team obendrein noch zu einem dramatischen 129:125-Sieg gegen Don Nelsons High-Speed-Truppe. Kein Wunder, dass eben jener Coach Nelson nach dem Spiel hin und weg war von der Performance des Bucks-Spielmachers. “Meine Güte, ich glaube, das war die beste Rookie-Performance, die ich in meinen 37 Jahren in dieser Liga gesehen habe”, schwärmte Nelson in Superlativen von Jennings, der seine 55 Punkte erst ab dem zweiten Viertel erzielte. “Wir haben alles gegen ihn versucht, aber er hatte einfach einen Sahnetag.”

Das sind die Worte eines Coaches, dessen Team in einem Viertel weniger Punkte gemacht hat als ein einziger Spieler des Gegners. Denn Jennings legte allein im dritten Spielabschnitt 29 Punkte aufs Parkett, die gesamte Warriors-Mannschaft kam im selben Zeitraum lediglich auf 26 Zähler. Egal aus welchem Blickwinkel man es betrachtet, Jennings’ Show in diesem Spiel war schon fast legendär (siehe Kasten). Man sah keinen 20-Jährigen auf dem Parkett, nein, die Nummer drei der Milwaukee Bucks spielte wie ein echter NBA-Superstar.

Er war “in The Zone”, in diesem magischen Zustand, den nur ganz wenige Spieler auf der Welt erreichen können. Typen wie Kobe Bryant, ein LeBron James oder eben vor ein paar Jahren auch Allen Iverson.

Für seinen Trainer Scott Skiles war jedoch etwas anderes ganz entscheidend: “Mich freut vor allem, dass er das Ganze innerhalb unseres vorgegebenen Systems vollbracht hat und keinen Moment eigensinnig wurde. Er hatte die ganze Zeit die Mannschaft im Auge und wollte das Team zum Sieg führen.” Beim knappen 103:98-Sieg in Memphis ein ähnliches Bild: Da erzielte der freche Rookie 24 seiner 26 Punkte in der zweiten Halbzeit.
Bei all der Offensivlust hat Jennings das Gewinnen nicht vergessen. Die Bucks siegten in acht ihrer ersten elf Partien.Wenn man auch noch bedenkt, dass neben ihm Charlie Bell, Ersan lIyasova, Dan Gadzuric und Carlos Delfino in der Starting Five stehen, grenz1das schon fast an ein Wunder. Jennings weiß: Punkte-Rekorde, Statistiken oder andere individuelle Errungenschaften zählen nicht in der NBA, wenn man ein wirklich großer Spieler werden will.

“Ich habe in Italien viel über Team-Basketball gelernt und was es heißt, als Mannschaft erfolgreich zu sein.” Mehr noch, Jennings sieht gerade in seiner Zeit in Italien den Hauptgrund für seine auf allen Ebenen reibungsreibungslose Eingewöhnung bei den Bucks. “Ich habe dort zwar nicht viel gespielt, doch im Training habe ich sehr viel mitgenommen”, erklärt “Young Money”, dessen Spitzname als Tattoo seinen gesamten Rücken ziert. “Die Zeit in Europa hat mich härter und bescheidener gemacht. Mit diesem Wissen möchte ich alles tun, damit wir die Playoffs erreichen.”

Milwaukees Hoffnungsträger

Klingt gar nicht nach dem Youtube-Brandon-Jennings, nach dem egomanischen unreifen Jüngling, der andere Spieler beleidigt. Auch in vielen anderen Interviews beteuert er heute, wie froh er über die Chance ist, in der NBA zu spielen, wie gut es ihm im beschaulichen Milwaukee gefällt und dass er im Grunde ein religiöser und ruhiger Familienmensch ist. “Ich liebe die Stadt, es ist sehr ruhig hier”, beschreibt Brandon seine ersten Erfahrungen mit der Metropole in Wisconsin. “Milwaukee war bis jetzt ohne Zweifel sehr gut zu mir.”

Und Brandon war bis jetzt sehr gut zu Milwaukee. Wir sprechen über eine Stadt, die seit Ewigkeiten in keinem Sport mehr einen großen Titel gewonnen hat. Obwohl es eine reiche Basketball-Tradition gibt, liegen die Tage der NBA-Legenden Lew A1cindor (aka Kareem Abdul-Jabbar) und Oscar Robertson und ihrer ruhmreichen Bucks-Teams weit zurück. Die Fans verzehren sich nach einem Hoffnungsträger einem Star, der sie wieder in die Elite der NBA zurückführt. Spieler wie Glenn Robinson oder Ray Allen scheiterten in den vergangenen Jahren an dieser Aufgabe, nun liegt es an Brandon Jennings, die Hoffnungen der Bucks-Fans zu erfüllen. Doch welches ist nun das wahre Gesicht des Brandon Jennings? Ist er wirklich ein “Franchise-Player”? Oder wird ihm sein “gesundes Selbstbewusstsein” irgendwann ein Bein stellen, wie es bei Allen Iverson zu beobachten ist?

Am Ende gibt es nur einen, der diese Fragen beantworten kann: Brandon Jennings selbst. Sein Talent auf dem Court steht außer Frage, doch das war schon bei vielen anderen Newcomern vor ihm so, siehe Steve Francis oder Stephon Marbury. Auch sie waren einst gefeierte Jungprofis. Trotz vermeintlich guter Karrierestatistiken gelten sie heute als Versager. Doch so weit wollen wir noch nicht gehen. Genießen wir bis dahin die schöne Zeit mit Brandon Jennings.

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